Vom digitalen zum analogen Aktivismus – Mein Praktikum bei Coach e.V.

Geschrieben von externem Autor

12. November 2020

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Daria berichtet über ihr Praktikum bei Coach e.V.  und was sie für sich in der Zeit an wichtigen Erkenntnissen mitgenommen hat. Ein Erfahrungsbericht von Daria Yazdanyar.

„Also verzeih mir, wenn ich laut, politisch und unangenehm bin, mich wehre. Aber ich werde damit nicht aufhören!“

– Emily, Teilnehmerin der Empowerment Akademie

 

Über meinen Handybildschirm flackern grelle Lichter, Videos von protestierenden Menschen, tausenden Menschen, die im Chor „BLACK LIVES MATTER“ rufen. Die Protestbewegung beginnt in amerikanischen Städten, greift über nach Europa und erreicht uns schließlich auch in Köln. In mir lodert eine Flamme, eine Flamme, die nicht erst jetzt brennt, aber sie schlägt seit dem Tod von George Floyd immer höher.

Auf sämtlichen Social-Media-Kanälen wird über Black Lives Matter und über Anti-Schwarzen-Rassismus gesprochen und ich bin zufrieden, dass diese wichtigen Themen endlich in den Mainstream-Medien präsent sind. Ich nutze Instagram schon länger nicht nur um mir lustige Videos, Memes oder Hochglanzfotos anzusehen, sondern um Aktivist:innen, politischen Accounts und inspirierenden Menschen zu folgen.

Aber was kann ich selbst tun? Ich bin auf Demos gegangen und habe meine Solidarität gezeigt, aber was jetzt?

Ich will mich noch mehr engagieren und ein aktiver Teil einer anti-rassistischen Lösung sein. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der uns die Macht und die Freiheiten gegeben wurden, für unsere Rechte auf die Straßen zu gehen, Petitionen zu unterschreiben oder selbst Politik zu machen.

Um meinen Master in Politikwissenschaften abzuschließen, benötige ich noch ein Praktikum und mir wird schnell klar, dass ich von meinem Handy aus, wenig bewegen kann. Auf der Suche nach einer passenden Stelle im Anti-Rassismus-Bereich, treffe ich auf Jinan, bei der ich meine ersten Empowerment-Workshops belege. Sie erzählt mir von Coach e.V. und auch von der Empowerment Akademie, bei der sie selbst Trainerin ist. Sie stellt den Kontakt zu Sima her, der Projektleiterin der Empowerment Akademie her. Kurz darauf beginnt mein zweimonatiges Praktikum bei Coach, bei dem ich erlebe, was es bedeutet sich aktiv für Demokratie und politische Bildung, sowie Anti-Diskriminierung einzusetzen.

 

 Gruppenbild beim Event #Jugendbewegt mit Multiplikator*innen und Projektverantwortlichen der Empowerment Akademie und Kooperationspartner von In-haus e.V.. Daria sitzt ganz links im Bild.

Empowerment

Ich beginne mein Praktikum am 20. Juli, kurz vor der dritten Modulreihe der Empowerment Akademie. Unter der Leitung von Sima, werde ich mit den Strukturen und der Organisation der Empowerment Akademie schnell vertraut gemacht. Die Empowerment Akademie bildet junge, von Rassismus betroffene Erwachsene zu Multiplikator:innen aus, die nach ihrem Abschluss, ihr Wissen und Expertise, in verschiedenster Form weitergeben können. Innerhalb der Ausbildung durchlaufen die Teilnehmenden verschiedene Workshops, die ihnen wertvolles Werkzeug an die Hand geben sollen, um später selbst betroffene und interessierte Menschen zu schulen.

Ich mache mich mit den vergangenen Modulen vertraut und werde immer neugieriger auf die Teilnehmer:innen und die nächste Workshop-Sequenz, bei der ich ausnahmsweise als Nicht-Teilnehmende mit dabei sein darf.

Ein Wochenende lang lerne ich die sehr unterschiedlichen und inspirierenden Menschen kennen, die mich offen in ihren intimen Kreis mit aufnehmen. Viele sind bereits ehrenamtlich tätig, haben selbst Vereine und Kollektive gegründet oder an Empowerment-Workshops teilgenommen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich neben der Mithilfe der Organisation, auch für eine kurze Zeit Teil der Ausbildung und dieser empowernden Gruppe sein kann. Aber ich soll nicht nur eine aktive Teilnehmerin des Workshops sein, sondern teilweise dokumentieren, damit ich in der Nachbereitung des Workshops, ein Fotoprotokoll mit allen verwendeten Methoden erstellen kann. Dieser Drahtseilakt zwischen Teilnahme und Beobachtung gelingt mir nicht auf Anhieb, da ich merke, wie gerne ich zu der Gruppe gehören will, die so stark auf mich wirkt.

Es fühlt sich gut an unter Menschen zu sein, die ähnliche Erfahrungen wie ich machen, die sich verletzlich zeigen können, aber auch in der Lage sind, sehr bestimmt über ihre Wünsche zu sprechen.

Mir wird immer bewusster, was sich hinter dem Begriff Empowerment verbirgt. Es bedeutet unter anderem die eigene Kraft zu verstehen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, ein Netzwerk zu bilden und sich weiter zu connecten. Ich merke, wie gestärkt ich aus dem Wochenende heraus gehe, Kraft und Energie getankt habe und voller Vorfreude auf meine bevorstehende Zeit bei Coach blicke.

Einige der Teilnehmer:innen, die sich bereits untereinander sehr stark vernetzt haben, treffe ich während meiner Zeit bei Coach in verschiedenen Kontexten wieder. Sie alle haben einen starken Einfluss auf mich und ich merke, wie beeindruckt ich von ihrer Stärke bin. Einige von ihnen sind deutlich jünger als ich und ich schäme mich kurz dafür, womit ich meine Zeit in ihrem Alter verbracht habe. Aber es ist nie zu spät, um laut zu sein.

Bei dem Event „Jugend Bewegt“ höre ich vier der Empowerment Akademie Teilnehmenden gebannt zu, bin ergriffen von ihren filmischen Beiträgen, die sie im Rahmen des Projekts „Create. Empowerment through stories, art and exchange“ geschaffen haben. Wie sie rassistischen Fragen aus dem Publikum souverän entgegenwirken oder ihre Gefühle gesanglich nach außen tragen. Ich habe ihre Filmbeiträge schon einige Male gesehen, aber ich bin jedes Mal ergriffen und begeistert von ihrer Individualität und den emotionalen Botschaften. Die Teilnehmenden sind einzeln unglaublich stark, aber zusammen wirken sie beinah unantastbar. Ist das Empowerment? 

Power to the people, cause the people got the power!

Die Demokratie. Sie scheint wie eine starke tragende Macht über uns zu schweben. Sie ist immer da. Manchmal muss man sie greifen, um sie zu spüren, dann wiederum springt sie einem förmlich vor die Füße. Richtig spüren konnte man sie im Jahr 2020 immer wieder. Vor allem durch die globale Black Lives Matter Bewegung empfinde ich sie als immer präsenter und greifbarer.

Ich habe das Gefühl, dass mit jeder neuen Generation das Bewusstsein über die Kraft der eigenen Stimme stärker wird. Die Bewegung Fridays For Future, die hauptsächlich von Kindern und Jugendlichen getragen wird, ist das beste Beispiel hierfür. Trotzdem stammt diese Bewegung aus einer weißen privilegierten Bevölkerungsschicht und nicht alle Jugendlichen kommen aus denselben Verhältnissen. Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte, die in vielen Fällen aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt stammen, treten mit dem Demokratiebegriff und den sich daraus ergebenden Privilegien weniger oder erst später in Kontakt. Coach möchte allen Kindern und Jugendlichen dieselben Chancen bieten und betreibt daher sehr erfolgreich politische Bildungsarbeit.

Kurz vor den Kommunalwahlen in NRW am 13. September, finden bei Coach einige Veranstaltungen statt, die vor allem junge Erstwähler:innen über die Wahlen informieren sollen. Es wird über den Wahlvorgang aufgeklärt, einige Jugendlichen dürfen in den Landtag und Politik hautnah erleben und den Oberbürgermeisterkandidat:innen Fragen stellen. Und die Jugendlichen haben gewählt, und zwar – oh Wunder- mehrheitlich Grün. Es gibt einen politischen Machtwechsel in drei NRW-Städten. Power to the People cause the people got the Power. Hier hat klar Fridays for Future etwas bewegt. Bei Coach habe ich gelernt, wie wichtig politische Bildung ist und was sie bewirken kann.

Und was bleibt?

Ich merke wie, dass sich etwas in mir bewegt hat, was nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und das ist gut so. Ich will nicht mehr wegschauen oder andere wegschauen lassen. Jeder sollte merken, was er als einzelner Mensch bewegen kann. Das wir so frei und laut über unsere Werte und Wünsche sprechen dürfen, ist für mich hier in Deutschland selbstverständlich. Wenn ich mir wiederum andere Länder anschaue, merke ich wie sehr ich dieses Privileg schätzen sollte.

Trotzdem wird diese Selbstverständlichkeit auch in Demokratien immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Das Recht auf Meinungsäußerung und der Schutz der eigenen Würde ist nicht unverwundbar. Nicht alle Menschen tragen dieselben Privilegien in sich. Vielleicht hast du, der das gerade liest, mehr davon als ich? Vielleicht ist es auch umgekehrt?

Ich wünsche mir, dass viel mehr zählt, was in jedem einzelnen Individuum steckt und nicht die vorgefertigten Vorurteile, die in und auf uns haften.

Während meines Praktikums habe ich innerhalb kürzester Zeit einen Einblick in einen neuen Alltag gewonnen, Demokratie hautnah erlebt und viele inspirierend Menschen kennengelernt. Ich möchte weiterhin auf welchem Weg auch immer, einen positiven Einfluss hinterlassen. Sei es in der politischen Bildung, auf journalistischen Wegen oder aktivistisch. Coach bleibe ich erst einmal erhalten und ich blicke gespannt und voller Vorfreude auf alles was kommt.

Das Feuer in mir brennt lichterloh und nichts wird es so schnell im Keim ersticken.

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