Professionelle Willkommenskultur – Ausbildungsberatung und Coaching für junge Geflüchtete

Geschrieben von externem Autor

23. Januar 2019

Archive

Coach e. V. erweiterte 2016 seinen Tätigkeitsbereich um eine „Ausbildungsberatung und Coaching für junge Flüchtlinge in Köln“, das seither von der RheinEnergieStiftung Jugend/Beruf, Wissenschaft im Rahmen einer 50 %-Stelle gefördert wird. Projektleiter Jonas Lang und der von ihm begleitete 22-jährige Nigrer H. berichten von der Arbeit und den besonderen Herausforderungen. Dieses Interview erschien zuerst im Jahresbericht 2018 der RheinEnergieStiftung Jugend/Beruf, Wissenschaft.

Stiftung:

Herr Lang, wie lange sind Sie bereits beim Coach e. V.? Wo liegen die Schwerpunkte des Vereins?

Lang: Ich arbeite seit acht Jahren als Sozialarbeiter beim Coach e. V. Der Verein ist eine sogenannte Migrant*innen Selbstorganisation und hat als solche „ganz viele Hüte“ auf: Das heißt, wir sind eine Jugendberatungsstelle im Übergang Schule/Beruf und gleichzeitig ein interkulturelles Zentrum.

Wir versuchen durch Bildungsarbeit Integration zu verwirklichen und für Bildungsgerechtigkeit zu sorgen, indem wir Jugendlichen Lernförderung, aber auch Einzelberatung anbieten. Ergänzend werden die Eltern verbindlich in die Arbeit miteinbezogen, beraten und über das deutsche Schul- und Ausbildungssystem informiert. Dabei ist die Arbeit immer sehr langfristig angelegt. Die durchschnittliche Verbleibzeit von Schüler*innen in der Nachhilfe liegt z. B. bei fünf Jahren.

 

Stiftung:

Was hat sich 2015 durch die Ankunft der Geflüchteten in Köln für den Coach e.V. und für Sie geändert?

 Lang: Bis 2015 konzentrierte sich unsere Arbeit größtenteils auf postmigrantische Familien, also auf Menschen, die in aller Regel in Deutschland geboren und aufgewachsen waren. Ich war damals viel an Berufskollegs unterwegs, um dort Jugendliche bei der Berufsorientierung zu unterstützen. Dort traf ich auch auf geflüchtete Jugendliche. Die Förderung der RheinEnergieStiftung ermöglichte es uns, sie gezielt zu unterstützen.

Wir begannen zunächst mit einer kleinen Gruppe Geflüchteter intensiv an der Verbesserung ihrer Ausbildungsperspektive zu arbeiten. Damit verfolgen wir zwei Zielrichtungen: Einerseits erhöhen wir ihre Aufenthaltschancen, andererseits nehmen wir den gesellschaftlichen Auftrag wahr, dass die Menschen, die zu uns gekommen sind, ihre Stärken einsetzen können und sich als selbstwirksam erleben. Eine klare Win-win-Situation.

 

Stiftung:

Wie hat sich Ihre bisherige Arbeit durch die neue Zielgruppe gewandelt?

Lang: Ich habe fachlich viel Neues gelernt – vor allem in Bezug auf das Aufenthalts- und Arbeitsrecht. Ich arbeite seitdem noch enger mit den Menschen zusammen, bin viel unterwegs und begleite Einzelne zu Beratungen und – wenn nötig – auch zu Vorstellungsgesprächen, sitze in Einzelfällen sogar mit bei den Gesprächen dabei. Gerade kleinen Betrieben gibt dies Sicherheit, wenn sie sehen, dass es eine Instanz gibt, die sich um den bürokratischen Teil kümmert.

 

Stiftung:

Wie hoch ist die Nachfrage nach dem Angebot und wie treffen Sie die Auswahl?

Lang: Die Nachfrage ist sehr groß. Wir könnten locker das Doppelte an Personen in das Projekt aufnehmen. Ein Erstgespräch weisen wir auch nie ab. Wir kooperieren u. a. mit der JWK gGmbH, die ebenfalls von der RheinEnergieStiftung gefördert wird, und übernehmen Jugendliche aus den IFK-Klassen bzw. vermitteln weiter an das Projekt HANDICRAFT. Dort erhalten die Auszubildenden ergänzenden Sprachunterricht, insbesondere zu Fachbegriffen.

 

Stiftung:

Sie haben im Rahmen des Projektes bisher 32 junge Menschen begleitet. Gibt es Differenzierungen innerhalb der Zielgruppe und, wenn ja, wie zeigen sich diese?

Lang: Eine ganz zentrale Rolle in der Beratungsarbeit spielt die Herkunft. Wenn wir jetzt z. B. eines der Länder mit einer sicheren Bleibeperspektive haben – das sind Syrien, Iran, Irak und Eritrea –, dann haben wir mehr Zeit, weil z. B. ausbildungsbegleitende Hilfen bewilligt werden. Bei Geflüchteten aus Ländern mit einer unsicheren Bleibeperspektive ist der Druck sehr viel höher. Aus der Förderpraxis Gerade zu Projektbeginn hat sich die Beratungsarbeit erheblich beschleunigt, da rund 80 Prozent der Teilnehmer*innen aus Afghanistan kamen und die Gefahr der Abschiebung immer mitschwang.

 

Stiftung:

Wie sind die Regelungen für eine gesicherte Bleibeperspektive?

Lang: Es gibt die sogenannte „3+2-Regel“: Für die Zeit der Ausbildung, also drei Jahre, haben die Geflüchteten eine Duldung. Wenn sie dann nach weiteren zwei Jahren in Deutschland ihr Leben selbst finanzieren und ihre Integrationsbemühungen nachweisen können, stehen die Chancen gut für einen Aufenthaltstitel.

 

Stiftung:

Herr H., wie sind Sie zum Coach e.V. gekommen?

 

H.: Ich stamme aus Niger und bin 2012 alleine, also ohne Familie, nach Deutschland gekommen. Jonas habe ich 2016 im Berufskolleg Ehrenfeld kennengelernt, als ich auf der Suche nach einer Ausbildungsstelle war. Er hat mir geholfen, ein Praktikum in einem Großhandelsunternehmen machen zu können. Leider wurde ich dort nicht übernommen, worüber ich sehr enttäuscht war. Doch Jonas hat mich weiter unterstützt und so kam ich zu Ford, wo mir eine einjährige Einstiegsqualifizierungsmaßnahme angeboten wurde. Nach dem Jahr musste ich einen Einstellungstest machen, den ich bestanden habe.

Stiftung:

Wie sah die Hilfe von Herrn Lang konkret aus?

H.: Er hat mir beim Schreiben von Bewerbungen geholfen und bei der Kommunikation mit den Betrieben und mich auch zu den Gesprächen begleitet. Ohne seine Hilfe wäre alles sehr schwierig für mich gewesen.

Stiftung:

Warum wollten Sie nach Deutschland?

H.: Ich wollte schon immer nach Deutschland kommen. Deutschland ist bekannt für seine wissenschaftliche und technische Arbeit. Es war mein Traum, hier zu leben und mich zu integrieren.

Stiftung:

Inwieweit wurden Ihre Hoffnungen in Bezug auf das Leben in Deutschland enttäuscht oder bestätigt?

H.: Es hat schon viel geklappt, z. B. meine schulischen Erfolge. Ich habe viel gelernt im Leben. Dafür bin ich sehr dankbar, aber es fehlt auch noch viel. Was ich am meisten bedauere, ist, dass ich so weit weg von meiner Familie bin.

Stiftung:

Was würden Sie sich noch wünschen?

H.: Mein allererster Wunsch ist, irgendwann mit meiner Familie hier in Deutschland zu leben und mich noch besser zu integrieren.

Rheinenergie Stiftung Jugend/Beruf Wissenschaft

Erfahre mehr über unser Wirken…